Januar 28, 2013 by

Gedenken zum Tag der Auschwitz-Befreiung

Categories: Aktion

“Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen.”
Theodor W. Adorno

Wieder jährte sich der Tag der Auschwitz-Befreiung, wieder galt es, an die Schrecken des Holocaust zu erinnern und wieder muss an den noch immer herrschenden Antisemitismus erinnert werden.
Das diesjährige Gedenken wurde erstmals von einer Veranstaltungsreihe begleitet. Diese fand unter der Losung „Vergessen ist die Erlaubnis zur Wiederholung“ statt und stellte einen überaus gelungenen Rahmen rund um das Gedenken dar.
So wurden insgesamt 8 verschiedene Veranstaltungen organisiert, darunter auch Führungen durch das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen und durch das Jüdische Museum in Berlin. Den Abschluss der zwei Wochen bildete schließlich die zentrale Gedenkkundgebung am 27.01., dem Tag der Befreiung Auschwitz’.
Fast 100 Menschen sind gekommen, um den Opfern der Shoah zu gedenken – den Menschen, die nicht in das nazistische Weltbild passten und in den Konzentrationslagern, aber auch an anderen Orten, ermordet wurden. Neben dem Gedenken spielt auch das Mahnen der heutigen Generationen eine zentrale Rolle auf dem antifaschistischen Gedenken: Eine Gesellschaft, in der Antisemitismus noch immer auf breite Zustimmung stößt und auch andere Ausgrenzungsmechanismen wie Antiziganismus oder Rassismus in den Köpfen vorhanden sind, kann nicht davon sprechen, sich der deutschen Schuld bewusst zu sein und Konsequenzen aus dieser zu ziehen. Ebenso wenig zielführend kann die sogenannte Totalitarismustheorie sein, die versucht jegliches antifaschistisches Engagement durch die Gleichsetzung mit Neonazis zu diffamieren.
Statt weiterhin zu versuchen, sich der Schuldannahme zu verweigern, sollte die Prämisse sein, jegliches Handeln, das ausgrenzende Denkmuster bestärkt, aktiv zu bekämpfen und somit dafür zu sorgen, dass Auschwitz sich nie wiederholt.

Ergänzend noch ein Text vom Internationalen Auschwitz-Komitee, der die Situation in Auschwitz am Tag der Befreiung von eben diesem beschreibt:

Die Front hat in dieser Nacht Auschwitz erreicht. Schon seit Tagen fliegt die Rote Armee Luftangriffe. Für die Wehrmacht ist nur noch ein einziger Fluchtweg offen: der nach Süden in Richtung Bielsko.
Am Morgen sprengen die Deutschen die Brücken über die Sola, an deren Ufer auch das Konzentrationslager von Auschwitz liegt.

Das Lager ist wie ausgestorben. Etwa siebentausend Häftlinge befinden sich in Auschwitz, es sind die Kränksten und Schwächsten, die die SS zurückgelassen hat. Viele von ihnen haben die neun Tage seit der Evakuierung nicht überlebt. Überall liegen Leichen auf dem Boden.
Die SS lässt sich nur noch sporadisch im Lager blicken. Doch wenn, dann geschieht es in tödlicher Absicht. Auch an diesem Morgen betritt eine Abteilung der SS das Nebenlager von Auschwitz Fürstengrube. Sie erschießen über hundert Häftlinge und zünden den Häftlingskrankenbau an. Seine Insassen, etwa hundertdreißig Häftlinge, kommen kläglich in den Flammen um.
Am Nachmittag wird es plötzlich still in Auschwitz. In den letzten Tagen war der Geschützdonner immer lauter geworden. Jetzt schweigen die Kanonen. Die Häftlinge wissen: Es geschieht etwas. Aber sie können noch nicht einschätzen, ist es gut oder schlecht für sie? Haben die Deutschen die Russen zurückgeschlagen, ein letztes Mal, oder kommt sie nun endlich – die Befreiung?
Die Polin Wanda, die seit dem Warschauer Aufstand im August 1944 in Auschwitz gefangen ist und wegen ihrer Schwangerschaft von der SS zurückgelassen wurde, beschreibt diesen Moment so:
“Wir wissen ganz genau, dass etwas vorgeht, wir spüren es. Und dann sehen wir von Ferne über die Schneedecke Männer auf uns zukommen. Wir fürchten uns, weil wir nicht wissen, ob es Deutsche sind. Aber dann begrüßten sie uns mit “strastwutje”. Das heißt guten Tag auf russisch. Wir fragten sie, wo die Deutschen sind, ob sie noch einmal zurückkommen. Aber sie sagten: Nein, sie kommen nicht mehr.”

Es ist fünfzehn Uhr. Die ersten Aufklärungstrupps der Roten Armee haben das Lager erreicht. Wanda ist frei. Was fühlt sie in diesem Moment?

“Das ist, als ob sich alles auf den Kopf stellt, ich kann das schwer erklären. Plötzlich ist alles weg. Ich bin nicht mehr hungrig, mir ist nicht mehr kalt. Ich habe keine Schmerzen. Alles ist weg. Das ist der Schock, der große Freudenschock.”

Die 60. Armee der 1. Ukrainischen Front marschiert in Auschwitz ein.
Siebentausend Häftlinge von Auschwitz sind frei. Tatsächlich frei, viele von ihnen nach vier und mehr Jahren Haft.

Aber die anderen dürfen nicht vergessen werden. Für alle Auschwitzhäftlinge, die auf die Evakuierungsmärsche gezwungen wurden, geht das Martyrium weiter. An diesem 27. Januar wird ein letzter Transport von 2000 Häftlingen das Frauenlager Ravensbrück erreichen. Dort verbringen sie die ersten 24 Stunden ohne Nahrung unter freiem Himmel. Nein, Auschwitz, und alles was es symbolisiert ist noch immer nicht vorbei. Die Nationalsozialisten und die SS-Schergen wüten und morden weiter.